
Redaktioneller Anspruch
Der Realpolitiker ist ein wöchentliches Politik-Format mit Hintergründen und Analysen zu internationalen Konflikten. Wir verstehen uns als Übersetzer zwischen Welten: zwischen Kulturen, politischen Systemen und Sichtweisen, die einander immer seltener zuhören.
Unser Anspruch ist es, die Interessen, die Geschichte und die innere Logik aller Seiten eines Konflikts nachvollziehbar zu machen – nicht, um sie zu rechtfertigen, sondern weil Verständigung genau dort beginnt. Wir hören erst zu, dann analysieren wir, und erst am Ende steht ein Urteil. Wer Brücken bauen will, muss beide Ufer kennen.
Debatte lebt von Vielfalt – auch von Meinungen, die unseren widersprechen. Wir sind unabhängig, keiner Partei oder Institution verpflichtet und finanzieren uns ohne Fördergelder oder öffentliche Mittel. Unsere Arbeit ist transparent, inklusive offengelegter Quellen. Wir laden zum Mitdenken und Mitdiskutieren ein – Kritik und andere Sichtweisen sind ausdrücklich erwünscht.
Unser Politikansatz
Staaten handeln selten irrational – auch wenn ihr Verhalten von außen so wirken mag. Hinter fast jeder Entscheidung stehen Interessen, Zwänge und eine innere Logik: geografische Lage, historische Erfahrungen, wirtschaftliche Abhängigkeiten, der Druck der eigenen Bevölkerung. Wer diese Logik versteht, muss sie nicht teilen. Aber er kann Verhalten erklären, statt sich nur darüber zu empören.
Unsere erste Frage ist deshalb immer die nach der Macht: Wer gewinnt Einfluss, wer verliert ihn – und wer fürchtet, ihn zu verlieren? Denn in den internationalen Beziehungen ist Macht der häufigste Treiber staatlichen Handelns: ihr Erhalt, ihr Ausbau, die Angst vor ihrem Verlust. Erst wenn diese Erklärung nicht ausreicht, greifen wir weiter – zu Ideologie, Sicherheit oder dem politischen Überleben einer Regierung. Diese Nüchternheit ist kein Zynismus. Sie ist die Voraussetzung dafür, internationale Politik zu verstehen, statt sie in Gut und Böse zu sortieren.

Marc André Bobinger – Politischer Analyst
Geboren im schwäbischen Bayern – als Sohn einer iranischen Mutter und eines deutschen Vaters – und aufgewachsen im sozialistischen Kuba, prägte ihn schon früh der Kontrast zwischen politischen Systemen und Kulturen.
Sein Aufenthalt in Lateinamerika fiel in die Zeit der sogenannten „Rosa Welle" – jener Jahre, in denen linksgerichtete Regierungen in weiten Teilen des Kontinents an die Macht kamen und die Region neu positionierten: zwischen dem Versprechen sozialer Gerechtigkeit, dem Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit und dem Konflikt mit der traditionellen Dominanz der USA.
Diese Erfahrungen sensibilisierten ihn früh für die Dynamik politischer Umbrüche und weckten sein Interesse für Revolutionen, das Zusammenspiel von Ideologie, Macht und Gesellschaft sowie für Widerstands- und Protestbewegungen im Globalen Süden. Sein Studium führte ihn nach England, Slowenien und Deutschland, wo er sich mit politischen Bewegungen und Konflikten in unterschiedlichen Weltregionen beschäftigte.
Dabei rückten zunehmend Fragen politischer Gewalt, revolutionärer Dynamiken und asymmetrischer Konflikte in den Mittelpunkt – und mit ihnen eine der ältesten Streitfragen der Politik: Wann gilt jemand als Freiheitskämpfer, wann als Terrorist? Und wer entscheidet das? Er spezialisierte sich auf Terrorismus, Geopolitik und Machtpolitik – mit besonderem Fokus auf die Spannungsfelder zwischen globalen und regionalen Akteuren.
Wer zwischen Havanna, London, Ljubljana und Augsburg aufwächst und studiert, lernt vor allem eines: dass jede Seite eines Konflikts ihre eigene Geschichte erzählt – und dass man sie kennen muss, um sie einordnen zu können. Genau dafür steht dieses Format.

Persönlicher
Hintergrund
Jugend auf
Kuba
Politische Ausbildung England
B.A. International Relations and Politics
M.A. Terrorism, Security and Society (King’s College London)
Wirtschaftliche Ausbildung Deutschland
B.Sc. Global Business Management
Heutiger Analysefokus: Geoökonomie
RÜCKBLICK
Mein Leben auf Kuba
Mit 16 Jahren zog ich mit meinen Eltern nach Kuba und tauchte ein in eine komplett neue Welt. Das Leben dort war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Mentalität der Menschen war freundlich, hilfsbereit, locker und familiär. Man half sich, wo man nur konnte. Jeder grüßte einen auf der Straße – persönlich oder durch ein freundliches Hupen im Vorbeifahren. Ich hatte immer das Gefühl, auf Kuba sehr behütet aufzuwachsen.
Man musste sich keine Sorgen um seine Sicherheit machen oder hatte gar Angst, nachts allein auf die Straße zu gehen. Während zur Mittagszeit alle in klimatisierten Räumen waren, kamen am späteren Nachmittag gefühlt alle auf die Straße: Fußball, Basketball, Baseball, Squash, Judo, Karate. Ganze Kunst- und Musikstunden spielten sich unter freiem Himmel ab. Und überall Kinder in Schuluniformen – blau für die Oberstufe, haselnussbraun für die Highschool, dunkelrot für die Kleinsten, dazu die weißen Kittel der Medizinstudenten.
Was mir damals verborgen blieb: die andere Seite dieses Landes. Die Einschränkung von Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, die Überwachung kritischer Stimmen, die Verfolgung von Oppositionellen – all das existierte parallel zu meinem behüteten Alltag, ohne ihn je zu berühren. Erst mit Abstand und im Studium habe ich verstanden, wie beides gleichzeitig wahr sein konnte: das warme, solidarische Kuba meiner Erinnerung und der autoritäre Staat, der Künstler und Regimekritiker einschüchtert und inhaftiert. Diese Erfahrung hat mich eine Grundlektion gelehrt, die meine Arbeit bis heute prägt: Die Wirklichkeit, die man erlebt, ist nie das ganze Bild. Wer politische Systeme verstehen will, muss über die eigene Perspektive hinausfragen.
Meine Freunde an der International School of Havanna kamen aus der ganzen Welt – anfangs vor allem aus afrikanischen Ländern wie Simbabwe oder Namibia, später kamen mehr Europäer dazu. Die Schule war eine Art Zentrum der ausländischen Community. Am Wochenende trafen wir uns dort zum Basketballspielen und luden Kinder anderer ausländischer Schulen ein – meistens kamen befreundete Angolaner, die auf kubanische Schulen gingen. Als mehr Europäer dazustießen, wechselten wir zu Fußball und trafen uns an Spielstätten überall in der Stadt.
Die ISH legte großen Wert auf einen respektvollen Umgang zwischen allen vertretenen Nationalitäten. Sie vertrat einen übergreifenden „Internationalismus" – und ermutigte uns zugleich, die eigene Herkunft zu erforschen und aktiv zu repräsentieren: bei der United Nations Week, am Mother Language Day, auf der International Food Fair, etc.

ANEKDOTE
Mein politisches Erwachen auf Kuba
Auf Kuba wurde ich zum ersten Mal mit Politik konfrontiert – aber ganz anders, als ich es aus Deutschland kannte. Es ging nicht um Anträge oder Parteien, sondern um Imperialismus, den Kampf gegen Neokolonialismus, nationale Selbstbestimmung, kulturelle Souveränität und Revolution.
Mein politisches Erwachen kam, als ich an der US-Interessenvertretung in Havanna vorbeifuhr. Daneben stand ein riesiges Propagandaschild: Der Kopf von George W. Bush und der eines mir unbekannten Mannes ergaben zusammen das Gesicht von Adolf Hitler. Ich war irritiert – wie konnte man Bush, den Vertreter eines Landes, das ich damals durchweg positiv sah, mit Hitler gleichsetzen?
Der unbekannte Mann war Luis Posada Carriles, ein ehemaliger CIA-Agent, dem mehrere Anschläge in Kuba zugeschrieben wurden. Er galt als Mitverantwortlicher für den Bombenanschlag auf ein kubanisches Passagierflugzeug im Jahr 1976, bei dem 73 Menschen starben. Obwohl Kuba und Venezuela seine Auslieferung forderten, lehnten die USA dies ab; ein Gericht entschied 2005, er könne nicht abgeschoben werden, da ihm Folter drohe. Nach seiner Freilassung 2007 lebte er bis zu seinem Tod 2018 unbehelligt in Miami – wo ihn viele Exilkubaner als Freiheitskämpfer feierten.
Derselbe Mann: in Havanna auf einer Stufe mit Hitler, in Miami ein Held. Damals verstand ich zum ersten Mal, dass dieselbe Person – dieselbe Tat – je nach Standpunkt Terrorist oder Freiheitskämpfer sein kann. Diese Frage hat mich nie wieder losgelassen. Sie führte mich über mein Studium bis zur Spezialisierung auf Terrorismus – und sie ist bis heute der Kern dessen, was ich mit diesem Format mache: verstehen, warum Menschen dieselbe Wirklichkeit so unterschiedlich sehen.
