Marc André Bobinger, politischer Analyst, sitzt auf einem Ledersofa

Redaktioneller Anspruch

Der Realpolitiker ist ein wöchentliches Politik-Format mit Hintergründen und Analysen zu internationalen Konflikten. Wir verstehen uns als Übersetzer zwischen Welten: zwischen Kulturen, politischen Systemen und Sichtweisen, die einander immer seltener zuhören.

Unser Anspruch ist es, die Interessen, die Geschichte und die innere Logik aller Seiten eines Konflikts nachvollziehbar zu machen – nicht, um sie zu rechtfertigen, sondern weil Verständigung genau dort beginnt. Wir hören erst zu, dann analysieren wir, und erst am Ende steht ein Urteil. Wer Brücken bauen will, muss beide Ufer kennen.

Debatte lebt von Vielfalt – auch von Meinungen, die unseren widersprechen. Wir sind unabhängig, keiner Partei oder Institution verpflichtet und finanzieren uns ohne Fördergelder oder öffentliche Mittel. Unsere Arbeit ist transparent, inklusive offengelegter Quellen. Wir laden zum Mitdenken und Mitdiskutieren ein – Kritik und andere Sichtweisen sind ausdrücklich erwünscht.

Unser Politikansatz

Staaten handeln selten irrational – auch wenn ihr Verhalten von außen so wirken mag. Hinter fast jeder Entscheidung stehen Interessen, Zwänge und eine innere Logik: geografische Lage, historische Erfahrungen, wirtschaftliche Abhängigkeiten, der Druck der eigenen Bevölkerung. Wer diese Logik versteht, muss sie nicht teilen. Aber er kann Verhalten erklären, statt sich nur darüber zu empören.

Unsere erste Frage ist deshalb immer die nach der Macht: Wer gewinnt Einfluss, wer verliert ihn – und wer fürchtet, ihn zu verlieren? Denn in den internationalen Beziehungen ist Macht der häufigste Treiber staatlichen Handelns: ihr Erhalt, ihr Ausbau, die Angst vor ihrem Verlust. Erst wenn diese Erklärung nicht ausreicht, greifen wir weiter – zu Ideologie, Sicherheit oder dem politischen Überleben einer Regierung. Diese Nüchternheit ist kein Zynismus. Sie ist die Voraussetzung dafür, internationale Politik zu verstehen, statt sie in Gut und Böse zu sortieren.

Marc André Bobinger liest eine Zeitung – Schwarz-Weiß-Portrait

Marc André Bobinger – Politischer Analyst

Geboren im schwäbischen Bayern – als Sohn einer iranischen Mutter und eines deutschen Vaters – und aufgewachsen im sozialistischen Kuba, prägte ihn schon früh der Kontrast zwischen politischen Systemen und Kulturen.

Sein Aufenthalt in Lateinamerika fiel in die Zeit der sogenannten „Rosa Welle" – jener Jahre, in denen linksgerichtete Regierungen in weiten Teilen des Kontinents an die Macht kamen und die Region neu positionierten: zwischen dem Versprechen sozialer Gerechtigkeit, dem Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit und dem Konflikt mit der traditionellen Dominanz der USA.

Diese Erfahrungen sensibilisierten ihn früh für die Dynamik politischer Umbrüche und weckten sein Interesse für Revolutionen, das Zusammenspiel von Ideologie, Macht und Gesellschaft sowie für Widerstands- und Protestbewegungen im Globalen Süden. Sein Studium führte ihn nach England, Slowenien und Deutschland, wo er sich mit politischen Bewegungen und Konflikten in unterschiedlichen Weltregionen beschäftigte.

Dabei rückten zunehmend Fragen politischer Gewalt, revolutionärer Dynamiken und asymmetrischer Konflikte in den Mittelpunkt – und mit ihnen eine der ältesten Streitfragen der Politik: Wann gilt jemand als Freiheitskämpfer, wann als Terrorist? Und wer entscheidet das? Er spezialisierte sich auf Terrorismus, Geopolitik und Machtpolitik – mit besonderem Fokus auf die Spannungsfelder zwischen globalen und regionalen Akteuren.

Wer zwischen Havanna, London, Ljubljana und Augsburg aufwächst und studiert, lernt vor allem eines: dass jede Seite eines Konflikts ihre eigene Geschichte erzählt – und dass man sie kennen muss, um sie einordnen zu können. Genau dafür steht dieses Format.

Marc André Bobinger sitzt auf einem Stuhl neben einem Bücherstapel

Persönlicher
Hintergrund

Jugend auf
Kuba

Politische Ausbildung England

B.A. International Relations and Politics

M.A. Terrorism, Security and Society (King’s College London)

Wirtschaftliche Ausbildung Deutschland

B.Sc. Global Business Management

Heutiger Analysefokus: Geoökonomie

RÜCKBLICK

Mein Leben auf Kuba

Mit 16 Jahren zog ich mit meinen Eltern nach Kuba und tauchte ein in eine komplett neue Welt. Das Leben dort war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Mentalität der Menschen war freundlich, hilfsbereit, locker und familiär. Man half sich, wo man nur konnte. Jeder grüßte einen auf der Straße – persönlich oder durch ein freundliches Hupen im Vorbeifahren. Ich hatte immer das Gefühl, auf Kuba sehr behütet aufzuwachsen.

Man musste sich keine Sorgen um seine Sicherheit machen oder hatte gar Angst, nachts allein auf die Straße zu gehen. Während zur Mittagszeit alle in klimatisierten Räumen waren, kamen am späteren Nachmittag gefühlt alle auf die Straße: Fußball, Basketball, Baseball, Squash, Judo, Karate. Ganze Kunst- und Musikstunden spielten sich unter freiem Himmel ab. Und überall Kinder in Schuluniformen – blau für die Oberstufe, haselnussbraun für die Highschool, dunkelrot für die Kleinsten, dazu die weißen Kittel der Medizinstudenten.

Was mir damals verborgen blieb: die andere Seite dieses Landes. Die Einschränkung von Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, die Überwachung kritischer Stimmen, die Verfolgung von Oppositionellen – all das existierte parallel zu meinem behüteten Alltag, ohne ihn je zu berühren. Erst mit Abstand und im Studium habe ich verstanden, wie beides gleichzeitig wahr sein konnte: das warme, solidarische Kuba meiner Erinnerung und der autoritäre Staat, der Künstler und Regimekritiker einschüchtert und inhaftiert. Diese Erfahrung hat mich eine Grundlektion gelehrt, die meine Arbeit bis heute prägt: Die Wirklichkeit, die man erlebt, ist nie das ganze Bild. Wer politische Systeme verstehen will, muss über die eigene Perspektive hinausfragen.

Meine Freunde an der International School of Havanna kamen aus der ganzen Welt – anfangs vor allem aus afrikanischen Ländern wie Simbabwe oder Namibia, später kamen mehr Europäer dazu. Die Schule war eine Art Zentrum der ausländischen Community. Am Wochenende trafen wir uns dort zum Basketballspielen und luden Kinder anderer ausländischer Schulen ein – meistens kamen befreundete Angolaner, die auf kubanische Schulen gingen. Als mehr Europäer dazustießen, wechselten wir zu Fußball und trafen uns an Spielstätten überall in der Stadt.

Die ISH legte großen Wert auf einen respektvollen Umgang zwischen allen vertretenen Nationalitäten. Sie vertrat einen übergreifenden „Internationalismus" – und ermutigte uns zugleich, die eigene Herkunft zu erforschen und aktiv zu repräsentieren: bei der United Nations Week, am Mother Language Day, auf der International Food Fair, etc.

Propagandatafel in Havanna, Kuba: „Revolución es“ mit Che-Guevara-Portrait Anti-US-Propagandaplakat in Havanna, Kuba, mit den Portraits von George W. Bush und Adolf Hitler Wandbild in Havanna, Kuba: „Señores imperialistas, no les tenemos absolutamente ningún miedo“

ANEKDOTE

Mein politisches Erwachen auf Kuba

Auf Kuba wurde ich zum ersten Mal mit Politik konfrontiert – aber ganz anders, als ich es aus Deutschland kannte. Es ging nicht um Anträge oder Parteien, sondern um Imperialismus, den Kampf gegen Neokolonialismus, nationale Selbstbestimmung, kulturelle Souveränität und Revolution.

Mein politisches Erwachen kam, als ich an der US-Interessenvertretung in Havanna vorbeifuhr. Daneben stand ein riesiges Propagandaschild: Der Kopf von George W. Bush und der eines mir unbekannten Mannes ergaben zusammen das Gesicht von Adolf Hitler. Ich war irritiert – wie konnte man Bush, den Vertreter eines Landes, das ich damals durchweg positiv sah, mit Hitler gleichsetzen?

Der unbekannte Mann war Luis Posada Carriles, ein ehemaliger CIA-Agent, dem mehrere Anschläge in Kuba zugeschrieben wurden. Er galt als Mitverantwortlicher für den Bombenanschlag auf ein kubanisches Passagierflugzeug im Jahr 1976, bei dem 73 Menschen starben. Obwohl Kuba und Venezuela seine Auslieferung forderten, lehnten die USA dies ab; ein Gericht entschied 2005, er könne nicht abgeschoben werden, da ihm Folter drohe. Nach seiner Freilassung 2007 lebte er bis zu seinem Tod 2018 unbehelligt in Miami – wo ihn viele Exilkubaner als Freiheitskämpfer feierten.

Derselbe Mann: in Havanna auf einer Stufe mit Hitler, in Miami ein Held. Damals verstand ich zum ersten Mal, dass dieselbe Person – dieselbe Tat – je nach Standpunkt Terrorist oder Freiheitskämpfer sein kann. Diese Frage hat mich nie wieder losgelassen. Sie führte mich über mein Studium bis zur Spezialisierung auf Terrorismus – und sie ist bis heute der Kern dessen, was ich mit diesem Format mache: verstehen, warum Menschen dieselbe Wirklichkeit so unterschiedlich sehen.

Collage von Staats- und Regierungschefs der multipolaren Welt – Der Realpolitiker

FAQ

Wie bist du zur Politik gekommen?

Durch Kuba. Ich habe dort einen Großteil meiner Jugend verbracht — und Politik war dort keine abstrakte Debatte, sie war Alltag. Ich ging auf eine Schule mit vorwiegend Diplomatenkindern, knüpfte enge Freundschaften mit Kindern aus afrikanischen Ländern und bekam früh ein Gefühl dafür, dass die Welt aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln aussieht. Jeden Abend fuhren vor meinem Haus die Konvois der Castro-Brüder die Hauptstraße entlang — Fidel im Mercedes, Raúl im 7er BMW. Regelmäßig folgten Staatsdelegationen aus aller Welt. Politik hatte dort Gesichter, Autos, Straßen. Sie war greifbar.

Und der kubanische Sozialismus — wirtschaftlich wie politisch eine völlig andere Welt als das Deutschland, das ich kannte — stellte für mich früh die entscheidende Frage: Warum organisieren sich Gesellschaften so grundlegend verschieden? Warum handeln Staaten so, wie sie handeln? Diese Frage hat mich nie losgelassen. Sie ist bis heute der Kern von allem, was wir hier machen.

Weil Außenpolitik meine Leidenschaft ist — und das meine ich vollkommen ernst. Wenn du mich fragst, ob wir heute Abend feiern gehen oder zu Hause eine politische Talkshow schauen und danach stundenlang darüber diskutieren — ich entscheide mich jedes Mal für die Talkshow. Ohne zu zögern. Für mich gibt es schlicht nichts Spannenderes als die Frage, wie Staaten ticken, warum sie handeln, wie sie handeln, und welche Kräfte die Welt wirklich bewegen. Dieses Format ist kein Job. Es ist die logische Konsequenz davon, wer ich bin.

Zwei Prinzipien, die für mich nicht verhandelbar sind: kulturelle Souveränität und Dialog auf Augenhöhe.

Kulturelle Souveränität bedeutet: Jede Gesellschaft hat das Recht, ihre kulturelle Identität selbst zu bestimmen. Traditionen, Sprache, Werte — das sind keine Relikte, die es zu überwinden gilt. Sie sind das Fundament, auf dem Gesellschaften stehen. Und dieses Fundament verdient Respekt.

Dialog auf Augenhöhe bedeutet: Ich unterscheide nicht zwischen den USA und Uganda, zwischen Deutschland und Dschibuti. Jedes Land hat eine Stimme, und diese Stimme hat Gewicht — unabhängig von wirtschaftlicher Stärke, militärischer Macht oder politischem System. Ich blicke nicht auf Länder herab, weil sie andere Regierungsformen haben oder andere Wege gehen als wir.

Eines ist mir dabei wichtig: Verstehen heißt nicht gutheißen. Ich analysiere, warum Staaten handeln, wie sie handeln — das ist keine Rechtfertigung ihres Handelns. Aber wer bewerten will, muss zuerst verstehen. Meine Aufgabe ist das Verstehen.

Ich bringe eine Perspektive mit, die vielleicht ein bisschen anders ist als die, die man hierzulande gewohnt ist. Ich bin nicht in einer einzigen politischen Kultur aufgewachsen. Meine Jugend verbrachte ich in Lateinamerika: vor allem Kuba, aber auch Panama, Guatemala, Nicaragua, Argentinien und Mexiko. Meine politische Ausbildung erhielt ich in England, mit einem Studienaufenthalt in Slowenien, meine wirtschaftliche in Deutschland. Meine Mutter ist gebürtige Iranerin, mein Vater Deutscher. Zuletzt verbrachte ich mehrmonatige Aufenthalte in Südkorea und China.

Ich hatte das Glück, in sehr unterschiedlichen Gesellschaften und politischen Systemen zu leben — und hautnah zu erleben, wie Menschen aus diesen Kulturen auf die Welt blicken. Diese Erfahrungen haben mein Denken geprägt. Und genau die möchte ich teilen.

Menschen zum Mitdiskutieren einladen. Politik sollte keine Bubble sein — reserviert für Experten, Akademiker oder politisch Vorgebildete. Sie geht uns alle an. Und sie kann spannend, interessant und ja, sogar cool sein. Genau das möchte ich zeigen.

Ich möchte Wissen vermitteln, das hierzulande weniger präsent ist — andere Perspektiven, Zusammenhänge, die in der deutschen Mediendebatte oft zu kurz kommen. Nicht weil ich meine, es besser zu wissen, sondern weil ich glaube, dass mehr Perspektiven zu besserem Verständnis führen.

Ob jung oder alt, mit Vorkenntnissen oder ohne — jeder soll hier einsteigen können. Man kann mit dem, was wir sagen, nicht übereinstimmen. Das ist ausdrücklich erwünscht. Unser Versprechen dafür: Wir arbeiten ausschließlich mit offengelegten, nachprüfbaren Quellen — und wenn uns ein Fehler unterläuft, korrigieren wir ihn transparent. Daran lassen wir uns messen.